Veröffentlicht am Sa., 7. Okt. 2017 20:17 Uhr

Unter Christen darf es keinen Streit geben. Oder doch?

Eigentlich schreibt doch Paulus in Röm 15,5 oder Phil 2,2 ganz klar, dass die Menschen in der Gemeinde „eines Sinnes“ sein, also genau genommen das Gleiche denken sollen. Aber wie sollen wir dann mit unseren Konflikten umgehen? Was tun wir, wenn es doch mal knatscht?

Tatsache ist: Die Gemeinde ist häufig eine Ansammlung der unterschiedlichsten Menschen und jede einzelne Person hat eine eigene Geschichte. Eine eigene Biographie, die Gott nur für sie persönlich geschrieben hat. Bei so viel Individualität, wie soll es denn dann machbar sein, dass immer alle das Gleiche denken? Die ziemlich einfache, aber auch ernüchternde Antwort lautet: Gar nicht. Es ist schlicht und einfach nicht realisierbar, dass so unterschiedliche Menschen immer „eines Sinnes“ sind.

Tja, das stellt ja dann irgendwie ein Problem dar. Das ist doch ein Widerspruch zu dem, was Paulus von uns fordert. Oder nicht?

Nicht wirklich, denn Paulus muss an dieser Stelle anders verstanden werden. Wenn er seine Gemeinden zur Einheit auffordert, dann meint er damit nicht, dass alle den gleichen Kleidungsstil haben, die gleiche Musik hören, die gleiche Serie mögen und sich bitte nie streiten sollen. Nein, er war realistisch genug um zu sehen, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt, bei denen Menschen einfach nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Deshalb verlangt er das auch gar nicht erst.

Puh, Glück gehabt. Das klingt doch schon mal ein bisschen erleichternd. Trotzdem bleibt die Frage übrig, wie er es dann gemeint hat. Was wollte Paulus erreichen, als er seine Gemeinden zur Einheit aufforderte? Auch diese Antwort ist einerseits einfach, aber trotzdem auch wieder ernüchternd: Es geht um die Orientierung an Jesus Christus. Das bedeutet, Paulus möchte von jedem Menschen in der Gemeinde, dass sich sein Denken und Handeln an Jesus orientiert. Er soll also der allgemeine Maßstab der Gemeinde sein. Und darin sollen sich die Gemeindemitglieder einig sein. Klingt doch ganz einfach.

Ist es dann aber leider doch nicht, denn die Sache mit der individuellen Persönlichkeit wird dadurch nicht vom Tisch gewischt. Die Menschen orientieren sich in ihrem Handeln und Denken vielleicht an Jesus, aber es ist kein Geheimnis, dass der 36-jährige Familienvater die Taten und Worte Jesu ganz anders auf sich und sein Leben bezieht, als die 94-jährige Omi oder der 13-jährige Teenager.

Na toll. Also sind wir wieder am Anfang? Ich denke nicht. Denn wenn zwei Menschen das gleiche Ziel anvisieren, wird ihr Weg dahin vielleicht an manchen Stellen unterschiedlich sein, doch an vielen Stellen werden sie auch die gleiche Strecke laufen und am Ende dadurch am gleichen Ziel ankommen.

Paulus Aufruf zur Einheit ist also kein Aufruf zur Abschaffung jeglicher Meinungsverschiedenheit in der Gemeinde. Es ist vielmehr ein Aufruf zur Orientierung an dem richtigen Vorbild, die an vielen Stellen eine Einheit erschafft und ein wertschätzendes und liebevolles Miteinander in Uneinigkeiten ermöglicht.

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