Veröffentlicht am Mi., 20. Sep. 2017 17:34 Uhr

Beziehungskiller

Tillmann Frey

Von Geburt an beschäftigen uns vier Beziehungen: Die zu mir selbst, zum Nächsten, zur Schöpfung und zu Gott. In diese Beziehungen hinein sind wir geschaffen – sehr gut! Sind sie in Ordnung, haben wir Frieden. Aber dank unserer bösen Neigung, nicht der Lebensidee unseres Schöpfers zu folgen, gehen wir seinem Rat und seiner Nähe aus dem Weg. Das schafft Stress und Unfrieden. In unserer digitalen Welt wird die Beziehung zum Nächsten dabei auf besondere Art herausgefordert. Globale Vernetzung und mobile Erreichbarkeit sind ohne Frage sensationelle menschliche Erfindungen! Dabei zeigt der raketenhafte Aufstieg von Social-Media-Angeboten, dass die Beziehung zum Nächsten ein riesiger menschlicher Hunger ist.  Verbunden, angesehen und im Austausch zu sein, scheint ein Lebenselixier zu sein. Gleichzeitig sollen diese digitalen Möglichkeiten uns nicht beherrschen und die Beziehung zu unseren Nächsten nicht gefährden. Schauen wir auf einige Beziehungskiller unserer Zeit.

Beziehungskiller Nr. 1: Bildschirmland zuerst Vernetzung und Erreichbarkeit umspülen jeden Moment meines Tages. Smartphone sei Dank. Es piept, blinkt, ploppt und zischt und wenn es das nicht tut, werden viele von uns schon nervös. Was verpasst? Oft ist meine Aufmerksamkeit tatsächlich mehr im Bildschirmland als bei den Menschen in meiner Nähe! Ich schaue ja nicht ständig auf ein Display, aber meine Gedanken kleben an Chats und Co. Ich weiß, dahinter stecken ja auch echte Menschen und »echte« Unterhaltungen. Trotzdem: Der Mensch, dem ich z.B. an einem Tisch in die Augen schaue, hat grundsätzlich Vorrang vor dem, der mich virtuell oder telefonisch erreichen will. Es gibt Ausnahmen, aber die bleiben Ausnahmen.

Beziehungskiller Nr. 2: soziale Überlastung Noch nie in der Geschichte hatten wir so viele Beziehungen zu pflegen wie heute. Welche Prioritäten setzen wir? Es gibt einen inneren Kreis von Menschen, mit dem wir in tiefen Beziehungen leben: meist unser Partner und die engste Familie. Drumherum ist ein Ring von Menschen, mit denen wir uns regelmäßig treffen: enge Freunde und nächste Verwandte; dann ein Ring von lockeren Bekannten, usw. Partner und Kinder haben ein Recht auf unsere ungeteilte Aufmerksamkeit – real oder notfalls virtuell. Sie sind unsere nächsten Nächsten und damit Gottes erster Auftrag an uns. Kraft und Auf- merksamkeit muss darum logischerweise in den Beziehungsringen nach außen hin abnehmen. Digitale Anfragen von außen warten also zugunsten derer, die im inneren Bereich sind. Sonst fühlen sich die, die uns am wichtigsten sind, nur noch als einer von vielen. Und wir sind irgendwann überlastet von allen Kontakten. Als Außenstehender respektiere ich natürlich, nicht überall als erstes dranzukommen, nur weil ich eine Textnachricht geschickt habe.

Beziehungskiller Nr. 3: ständige Verbindung Überfluss macht billig. Zu viel zu oft nimmt allem das Besondere – auch Beziehungen. Viele meiner WhatsApp-Chats haben oft keine Anrede mehr. Warum? Der Kontakt zum anderen ist nur einen Fingertipp entfernt. Wir scheinen ständig verbunden, als lebte man im gleichen Raum. Der Abschied, gute Wünsche und sorgfältige Grüße fallen oft weg. Vergessen wir darum nicht anderen regelmäßig unsere Wertschätzung auszudrücken!

Beziehungskiller Nr. 4: rasanter Zeitdruck Unser Leben bekam eine ungeheure Geschwindigkeit. Wir können dabei verlernen, dass Beziehungspflege Ort und Zeit braucht. Mit einem Menschen ungestört hier und jetzt zu sein, ist nicht Luxus, sondern Grundlage einer Beziehung. Also Handy aus, Uhr abmachen und reden, hören, sehen, reden, spüren, riechen, und reden, reden, reden! Gepflegte Begegnung braucht einen wirklichen Ort und gemeinsam verbrachte Zeit. Denn Beziehung ist mehr als schneller Austausch von Datenpaketen. Vielleicht müssen wir dafür einen Termin machen, aber das ist es wert! Achten wir auf die Beziehungskiller, von denen es sicher noch mehr gibt. Alles Virtuelle kann auf gewisse Art helfen, eine Beziehung zu führen, aber es bleibt letztlich nur ein schwacher Ersatz. Nur am gleichen Ort zur gleichen Zeit können wir wirklich Bezie- hung zum Nächsten erleben und erhalten.

Kategorien Zeitschrift Perspektiven